Was ist Halitosis?

Prof. Dr. Andreas Filippi
Universitätskliniken für Zahnmedizin der Universität Basel

Was ist Halitosis ?

In den letzten 2-3 Jahren ist das Thema „Mundgeruch“ stärker als jemals zuvor in das Bewusstsein von Patienten und Zahnärzten gerückt. Gleichzeitig hat auch die Zahl wissenschaftlicher Publikationen hoher Evidenzgrade bis hin zu systematischen Reviews zugenommen, so dass heute für den interessierten Zahnarzt gut dokumentierte Diagnose- und Therapiekonzepte existieren, die sich allerdings durch zunehmenden Wissenszuwachs gerade bezüglich der Therapie ständig verändern. Realität ist jedoch, dass diese (vorwiegend englischen) Beiträge kaum ausserhalb spezialisierter Sprechstunden zur Kenntnis genommen werden. Dies zeigt sich in der täglichen Praxis an einer gewissen Hilflosigkeit von Ärzten und Zahnärzten gegenüber Mundgeruch-Patienten und führt zu pauschalen und somit meist unwirksamen Behandlungskonzepten. Letztere verschlingen nicht nur Zeit und Geld, sondern gehen teilweise bis hin zu Körper verletzenden Diagnostiken (z.B. Gastroskopien, Biopsien der Magenschleimhaut, radiologische Untersuchungen der Lungen) und Therapien (z.B. Laservaporisation der Tonsillenoberfläche oder der Tonsilla lingualis, Eradikationstherapien von Helicobacter pylori), für die es keine wissenschaftliche Evidenz gibt und die letztlich den betroffenen Patienten nicht helfen. Ein weiterer Hinweis auf mangelnde Kenntnisse von Zahnärztinnen und Zahnärzten über Mundgeruch und dessen Behandlung ist die Überbelastung der wenigen professionellen Mundgeruch-Sprechstunden, die es im deutschsprachigen Raum bisher gibt und die diesen Namen auch verdienen. Es ist immer wieder überraschend, welch weite Anreisewege Patienten auf sich nehmen (müssen), denen weder von Zahnärzten noch von Ärzten zufrieden stellend geholfen wird.

Terminologie

Für Halitosis (lateinisch halitus: Atem, Hauch) werden synonym Begriffe wie Mundgeruch oder Foetor ex ore verwendet, was – genau genommen – nicht ganz korrekt ist. Foetor ex ore ist ein unangenehmer, atypischer Geruch beim Ausatmen durch den Mund. Man geht hier von einer intraoralen Ursache aus. Der Begriff Halitosis bezeichnet ebenfalls eine unangenehme Ausatemluft, die aber auch bei geschlossenem Mund, also beim Ausatmen durch die Nase wahrgenommen werden kann. Dies deutet möglicherweise auf eine extraorale Ursache (Tonsillen, Nasennebenhöhlen, obere Atemwege) hin. Daher sollte im Rahmen einer exakten Diagnostik die Ausatemluft aus Mund und Nase getrennt voneinander analysiert und diagnostiziert werden.

Ursachen

Eine leider sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten weit verbreitete Ansicht ist, dass Mundgeruch eine Pathologie des Magen-Darmtraktes zu Grunde liegt. Dies hat zur Folge, dass Menschen mit Mundgeruch zunächst eine Gastroskopie über sich ergehen lassen, anstatt einen Zahnarzt aufzusuchen. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass in 85-90% aller Fälle von Mundgeruch eine bakterielle Zersetzung organischen Materials in der Mundhöhle die Ursache für Halitosis und somit die Mundhöhle der mit Abstand häufigste Entstehungsort für Mundgeruch ist. Die geruchsintensiven flüchtigen Verbindungen entstehen intraoral durch den Metabolismus gramnegativer anaerober Mikroorganismen. Die meisten oralen Bakterien (60-80%) des Menschen befinden sich auf der Zungenoberfläche, die als einziges intraorales Epithel eine Oberfläche mit einer Makro- und einer Mikrorauigkeit aufweist, was speziell für Anaerobier unzählige sauerstoffgeschützte Nischen bietet. Daher ist der Zungenrücken in Kombination mit Zungenbelag eine der häufigsten Ursache für Halitosis. Der Zusammenhang zwischen Zungenbelag und Halitosis konnte in verschiedenen Untersuchungen nachgewiesen werden.

Weitere intraorale Ursachen in abnehmender Häufigkeit sind Parodontitis marginalis (ab einer Sondierungstiefe von 4 mm und in Abhängigkeit von der Zahl betroffener Zähne), Karies und/oder mangelhafte Mundhygiene, lokale Infektionen (Candidiasis, Perikoronitis, Gingivitis, Periimplantitis) sowie ungepflegter abnehmbarer Zahnersatz. Die intraorale Entstehung von Halitosis wird von einigen Ko-Faktoren wesentlich mitbestimmt. Der wichtigste Ko-Faktor ist eine reduzierte Speichelfließrate, die in professionellen Sprechstunden gemessen und als solche erkannt werden muss. Weitere bekannte Ko-Faktoren sind Stress, Rauchen, hoher Kaffeekonsum, Mundatmung, einseitige Ernährung (auch spezielle Diäten), offene Approximalkontakte bzw. Crowding, Zungenpiercings, Alkoholkonsum, Body mass index, die Anzahl der Mahlzeiten pro Tag, Fleischkonsum sowie die getrunkene Wassermenge pro Tag.

Die häufigsten extraoralen Ursachen für Halitosis finden sich im HNO-Bereich (etwa 5%-8% aller Halitosis-Ursachen). Davon wiederum sind Tonsillitis (ca. 60-70%) und Sinusitis (ca. 20%) die häufigsten Ursachen.

Gastrointestinale Ursachen für Halitosis sind – prozentual betrachtet – sehr selten (< 0.1%). Meist sind Magen und Darm so gut muskulär abgedichtet, dass nur bei Patienten mit Kardiainsuffizienz, gastro-ösophagealem Reflux oder Divertikeln der Gastrointestinaltrakt als Ursache für Halitosis in Frage kommt.

Auch Medikamente können entweder direkt durch Abatmung ihrer Metabolite (z.B. Dimethylsulfid) oder indirekt über eine Erniedrigung der Speichelfließrate Halitosis verursachen. Zahlreiche Medikamente haben als klassische Nebenwirkung eine Reduktion der Speichelfließrate. Exemplarisch sollen hier Eisenersatzpräparate, Anorektika, Anticholinergika, Antidepressiva, Antipsychotika sowie Antihypertensiva genannt werden. Ein nicht zu unterschätzender Anteil der Gesamtbevölkerung nimmt eines oder mehrere dieser Medikamente regelmäßig ein.